Zu Gast bei…

Semester
Wintersemester 26/27
Studiengang
Master
Modul
Projekt
Modulbestandteil
M4000 Projekt

Gastlichkeit als kulturelle und räumliche Praxis

 

»Es gibt kein schöneres Vergnügen, als einen Menschen dadurch zu überraschen, dass man ihm mehr gibt als er erwartet hat.«

Charles Baudelaire

 

Das Zitat von Baudelaire beschreibt ein Grundprinzip der Gastlichkeit über die Jahrhunderte hinweg. Gast sein bedeutet auch, sich in die Obhut eines anderen zu geben, in der Hoffnung willkommen zu sein, in einem Haus, in einem Raum, an einem Tisch. Gastlichkeit ist also nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine räumliche Praxis, sie ist Ausdruck einer zivilisatorischen Entwicklung von Anteilnahme, sozialem Verhalten und auch Neugier. Denn Gastlichkeit funktioniert immer als eine beidseitige Erwartung von Gast und Gastgeber. Ein Ort der Gastlichkeit lässt Nähe entstehen, ohne die Distanz gänzlich aufzulösen. Er vereinnahmt den Gast nicht, er lässt ihm seinen Raum. Gastlichkeit ist daher weit mehr als eine Geste des Empfangens. Sie beschreibt eine kulturelle Praxis des Ankommens, der Begegnung, des temporären Aufenthalts und des gemeinsamen Erlebens. Architektur schafft hierfür die räumlichen Voraussetzungen, indem sie Übergänge gestaltet, Nähe und Distanz organisiert und Beziehungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden, dem Privaten und dem Öffentlichen ermöglicht. Gastlichkeit wird damit zu einem räumlichen und atmosphärischen Phänomen. Angesichts einer Tendenz zur Abgrenzung, Polarisierung und ideologischer Überzeichnung in unserer Gesellschaft ist die Gastlichkeit ein Refugium für gelebte Mitmenschlichkeit. Der Gastgeber ist das Kollektiv der Stadtgesellschaft.

 

Das Masterstudio widmet sich der Frage, wie sich Gastlichkeit architektonisch manifestiert und wie sich ihre räumlichen Qualitäten in zeitgenössische Gebäudetypen übersetzen lassen. Den verschiedenen Ausdrucksformen eines »zu Gast seins«, wie empfangen, bewirten, beherbergen oder auch unterhalten werden dabei räumliche Programme zugeordnet, die in einem hybriden Baukörper in Wechselwirkung zueinander treten.

 

{Foto: Gasthaus »Jagdschlössl« am Rotkreuzplatz in München}